Gedanken über wissenschaftliche Glaubwürdigkeit nach der Lektüre von Susanne Dodillets Buch „Ist Sex Arbeit?“

By Manfred Brückels (Own work)
[CC-BY-SA-3.0],
via Wikimedia Commons

Wenn es um das Nordische Modell geht begegnet einem in Deutschland immer wieder der Name Susanne Dodillet. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass ihr von schwedischen Wissenschaftler_innen der Vorwurf gemacht wird, in ihrer Arbeit nicht wissenschaftlich gearbeitet zu haben. Warum dies im Einzelnen so ist, wird im Folgenden deutlich.

[Der Autor Sven-Axel Månsson ist Professor für Soziale Arbeit an der Universität von Göteborg – es handelt sich um eine Übersetzung vom Schwedischen ins Deutsche. Kleine Abweichungen vom Originalwortlaut sind deshalb nicht ausgeschlossen.]

Der Gegenstand des Buches, bei dem es sich um eine Dissertation in den Geisteswissenschaften handelt, ist der Vergleich der deutschen und schwedischen Gesetzgebung seit den 70er Jahren. Der Hintergrund ist, dass diese beiden Länder verschiedene Wege beschritten haben. Deutschland hat eine aktive Legalisierung der Prostitution implementiert. 2001 beschloss das Parlament ein Gesetz, dessen Ziel es war Prostitution in die Gesellschaft zu integrieren. Das Gesetz regelt die Prostitution in Bezug auf zahlreiche Bereiche. Vereinfacht könnte man sagen, Prostitution wird wie ein Beruf wie jeder andere behandelt. Die Gesetzgebung in Schweden verlief anders. Um die Prostitution zurückzudrängen wurde deshalb u.a. beschlossen den Kauf von sexuellen Leistungen zu verbieten.

Die Verfasserin argumentiert in der Einleitung ihrer Dissertation, dass es nicht ihr Ziel ist irgendeines der Gesetze abzulehnen, ohne verstanden zu haben warum die jeweiligen Regierungen zu solch unterschiedlichen Verfahrensweisen gegriffen haben. Trotz dieser Versicherung merkt der Leser/die Leserin ganz schnell wo die persönliche Sympathie liegt. Eine der Haupt-Behauptungen von Dodillet ist, dass die schwedische Gesetzgebung über die Köpfe der Betroffenen, denen es helfen soll, der Prostituierten, hinweg eingeführt wurde. Die deutsche Gesetzgebung hingegen sei auf der anderen Seite das Ergebnis der Inspiration und der Wünsche der Betroffenen selbst.

Meine Kritik setzt nun da an, wie die Autorin diese Behauptung zu unterlegen versucht. Ich bin der Meinung, dass es ernsthafte Zweifel an der Akribie, Sorgfalt und Glaubwürdigkeit gibt. Vielleicht wird diese Arbeit nicht anerkannt werden; Ich komme zu diesem Punkt später zurück. Darüberhinaus muss man sagen, dass meine Kritik besonderen Bedingungen unterliegt. Denn ich bin eine der Personen, deren Bücher auf diesem Gebiet in dem Text durchleuchtet werden. Das ist eine merkwürdige Situation, denn ich muss bei der Lektüre angesichts der starken Verdrehungen und tendenziösen Darstellungen meine Emotionen zurückhalten. (Eigentlich ist das eine Stärke? – Samtidigt är det en styrka) Ich finde meine eigenen Texte in dem Buch, sie sind leicht zu finden, und erkenne sie angesichts der manipulativen Selektivität kaum mehr selbst wieder.

In Dodillets Arbeit geht es auch um die schwedische Prostitutionspolitik, die auf einem großangelegten wissenschaftlichen und sozialen Programm, welches in Schweden in den 70er und 80er Jahren aufgelegt wurde, beruht. Das Problem ist nur dass sie behauptet die Wissenschaftler_innen hätten Prostituierten nicht zugehört. Darüber hinaus wären sie abgeneigt gewesen „positive Prostitutionserlebnisse“ in die Forschung mit einzubeziehen. Die Bücher und Forschungspapiere dieser Zeit malten ein zu düsteres Bild der Prostitution. Außerdem, glaubt sie, hätten die Sozialarbeiter_innen, die seinerzeit im Prostitutionsumfeld arbeiteten, den eigenen Willen der Prostituierten nicht respektiert. Die Freude und das Verlangen nach dieser Arbeit seien weder beschrieben, noch anerkannt worden durch die Forscher_innen und Sozialarbeiter_innen, so Dodillet weiter.

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Das Nordische Modell – Über Mythen, blinde Flecken und Realität

Das Nordische Modell – Beschäftigt man sich mit dem Thema Prostitution stößt man relativ schnell auf das so genannte Nordische Modell – und divergierenden Bewertungen dessen. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft werden Behauptungen über die Wirksamkeit des Prostitutionsgesetzes aufgestellt, die keiner kritischen Betrachtung standhalten. Dieser Beitrag soll dazu dienen, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Dies ist umso notwendiger, als durch die Überlegungen zur Übernahme des Modells in zahlreichen europäischen Staaten und die Resolution des Europaparlaments für ein Sexkaufverbot nach Schwedischem Modell, die Desinformationskampagnen nochmal einen Schub bekommen haben.

Legalisierende Gesetzgebung: Ziel und Wirkung

Deutschland ist die Hölle auf Erden für die prostituierte Klasse
Rebecca Mott, Prostitutionsüberlebende[i]

Legalisierungsgesetze gab es 1998 in Österreich und Griechenland, 2000 in den Niederlanden und 2002 in Deutschland.

Ziel war es insgesamt die Sexindustrie zu kontrollieren, zu regulieren und Menschenhandel/Zwangsprostitution zurückzudrängen. Außerdem sollten Bedingungen für ein erleichtertes Einzahlen der Betroffenen in die Sozialkassen geschaffen werden. Argumentiert wurde mit erhöhter Sicherheit und besseren Bedingungen für Menschen, überwiegend Frauen, in der Prostitution. Die Etablierung von Prostitution als Erwerbstätigkeit und „Beruf wie jeder andere“ hat nicht zur Stärkung der Betroffenen geführt, sondern zur Stärkung der Profiteur_innen – und füllt diesen die Taschen mit geschätzt 14,5 Milliarden Euro Jahresumsatz alleine in Deutschland. Von reichen Prostituierten/Sexarbeiterinnen ist übrigens nichts bekannt. (Im Gegenteil, Betroffene wie Domenica (die „Königin der Reeperbahn“) berichten immer wieder, dass das „schmutzige Monopoly-Geld“ so schnell wie möglich weg muss). Außerdem gibt es seit der Legalisierung einen Unterbietungswettbewerb mit Dumpinglöhnen und Druck auf immer mehr Sex ohne Kondom. Betroffene berichten von gravierender Ausbreitung von Tripper, Syphillis und anderen Geschlechts- und Infektionskrankheiten.

Ein hochrangiger Polizist stellte 2013 im Magazin „Der Spiegel“[ii] fest: Deutschland ist zu einem „Zentrum des sexuellen Missbrauchs junger Frauen aus Osteuropa geworden, und zu einem Betätigungsfeld für das organisierte Verbrechen aus aller Welt“. Obwohl Hells Angels, United Tribuns und andere kriminelle Banden das Rotlichtmilieu entscheidend dominieren, ist von Seiten der Prostitutionsbefürworter_innen diesbezüglich wenig zu hören. Natürlich haben sie Recht, wenn sie sagen: Menschenhandel/Zwangsprostitution ist verboten und kann nach der hiesigen Gesetzgebung theoretisch verfolgt werden – in der Praxis ist dies für die Polizei de facto aber gar nicht möglich. Auch deshalb bezeichnet Kommissar Manfred Paulus das Gesetz u.a. als „Zuhälterschutzgesetz“.[iii]

Auch die Legalisierungspolitik in Österreich und den Niederlanden wird inzwischen von Politik und Behörden als gescheitert erklärt. im 2007 veröffentlichten Daalder-Bericht wurde sie als „Fiasko“ bezeichnet, eine Erhebung der niederländischen Polizei brachte 2008 das Ergebnis, dass 50-90% der Frauen unfreiwillig in der Prostitution arbeiten. Das emotionale Wohlbefinden der Prostituierten ist niedriger als je zuvor, der Drogengebrauch unter ihnen rapide angestiegen.

Die Situation in Griechenland ist ebenfalls desaströs, gerade heute in Zeiten der Krise. Auch dort werden Zuwanderinnen, insbesondere Nigerianerinnen unter schlimmsten Bedingungen ausgebeutet.[iv]

Das Nordische Modell – Hintergrund

Schweden hat 1999 nach jahrzehntelanger, intensiver (!) Forschung ein Gesetz eingeführt, nach dem der Verkauf von Sex legal ist, der Kauf hingegen bestraft und gesellschaftlich mit unterschiedlichsten Mitteln bekämpft wird. Häufig wird behauptet, dieses Gesetz sei über die Köpfe der Betroffenen hinweg beschlossen worden. Dem ist eindeutig nicht so. Die schwedische Forschung zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie sehr genau auf die Stimmen der Betroffenen gehört hat. Seit den späten 70er Jahren trafen sich schwedische Prostitutionsforscher_innen mit Betroffenen, ganz ohne Vorurteile, und hörten sich an, was sie zu sagen haben. Die Expert_innen der Regierungskommission taten ab 1977 etwas eher Ungewöhnliches: Sie verließen ihre Büroarbeitsplätze und besuchten mehr als drei Jahre lang Sexclubs, sprachen mit Prostituierten, Sexkäufern und anderen, die sie dort trafen. Sie wollten verstehen, was genau Prostitution ausmacht. Heraus kam ein 800-Seiten-dicker Bericht, davon 140 Seiten Aussagen von Betroffenen. Seite für Seite erzählten prostituierte Frauen von ihrem Weg in die Prostitution, über die Sexkäufer, von der Rolle von Alkohol und Drogen, von Gewalt, Scham, Stärke und Überlebensstrategien. Diese Vorgehensweise war einmalig. Frühere Forscher hatten Prostitutierte als abnormal abgestempelt, Prostitution am Rand der Gesellschaft verortet. Diese Forschung kann demnach jedoch zu Recht als wichtiger Paradigmenwechsel bezeichnet werden.

Die Untersuchungen wurden in den 80er und 90er Jahren fortgesetzt. 1983 veröffentlichte Stig Larsson ein Buch[v], welches auf den Geschichten von 224 Prostituierten aus dem Malmö-Projekt (1977-1981) aus ihrer eigenen Perspektive resultierte. Weitere Studien zu den Profiteuren des Sexhandels und über Ausstiegsoptionen legten den Grundstein für die Gesetzgebung von 1999. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in Schweden sehr ausführlich mit Betroffenen gesprochen wurde.

Die nordische Gesetzgebung – Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Das schwedische Sexkaufverbot wurde bereits 1999 von der damaligen sozialdemokratischen Regierung implementiert und kann wie ausgeführt auf eine lange und ausführliche Vorarbeit zurückgreifen. Ziele waren das Zurückdrängen des Menschenhandels, die Reduzierung der Zahl der Freier und die größere Sensibilisierung der Öffentlichkeit, sowie die Reduktion von sexueller Gewalt gegen Frauen.

Norwegen folgte dem Beispiel 2008, Island ein Jahr später (inklusive eines Verbots von Stripclubs).

Die 2011 amtierende, sozialdemokratische Regierung Dänemarks machte die Einführung eines Sexkaufverbots zum Wahlversprechen, löste dies aber mit Verweis auf einen der kleineren Koalitionspartner bisher nicht ein.

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